Konstantin der Grosse

verfolgte offenbar ein politisches Ziel, als er am Konzil von Nicäa im Jahre 325 einen theologischen Streit beilegen wollte. Er soll gesagt haben: "Mein Ziel war es, die unterschiedlichen Urteile unter allen Nationen, die die Gottheit verehren, zu einem Zustand der beschlossenen Einheit zu bringen, und zweitens, den gesunden Ton im Weltsystem wieder herzustellen" (wiki)

winziger Blick auf die Kirchengeschichte

 

Liebe Carole,

 

Mit Recht hat man gesagt, dass zwischen der römischen Kirche von heute und den protestantischen Glaubensgemeinschaften mehr Verwandtschaft und Zusammenhang bestehe als zwischen der Kirche vor Konstantin und der nach ihm. (Johannes Haller)

 

Dieser erstaunlichen Aussage begegnete ich, als ich meiner Intuition, dass Hierarchie für die RkK verheerend ist, in der Geschichte der ersten Jahrhunderte der Kirche nachging.

 

Kirche und Macht verbinden sich

 

Konstantin I. oder der Grosse, geboren um 272, wird 306 von seinen Soldaten direkt als Augustus ausgerufen. Er lebt aber noch sechs Jahre ausserhalb Roms, vor allem in Trier. Erst 312, nach einer entscheidenden Schlacht und dem Sieg über seinen Schwager Maxentius, toleriert er das Christentum und regiert das Westreich. Im Jahr 324 wird er Alleinherrscher, nachdem er seinen neuen Widersacher, den Herrscher des Ostreichs, Licinius, umgebracht hat. 325 ruft er das erste ökumenische Konzil in Nicäa zusammen, drei Jahre später werden die Mauern der neuen Hauptstadt Konstantinopel fertiggestellt. Konstantin stirbt 337 und lässt sich auf dem Sterbebett taufen.

 

Der sukzessive Übergang des Reichs in das Lager der Kirche, der mit Konstantin einsetzte, war ein hochpolitischer Entscheid. Da das Christentum an keine Grenzen oder Kulturen gebunden war, festigten sich politisch sowohl das Reich als auch das Christentum. Es ist wahrscheinlich, dass Konstantin mit der nach 312 einsetzenden Bevorzugung der Kirche auf die Weltherrschaft spekulierte. Die Christen im Westen waren eine vernachlässigbare Minderheit; so wurde ihre Bevorzugung vom christlicheren Osten mit Wohlwollen registriert und das konnte der Eroberung des Ostreichs dienen. Im Westreich erfolgte bereits nach 312 die Wandlung von einer armen zu einer reichen Kirche.

 

Ein schlagendes Argument dafür, dass der Führungsanspruch des Bischofs von Rom sich erst nach Konstantin durchsetzt, ist die Evidenz, dass Konstantin den Anspruch Roms benutzt hätte, um der Kirche eine monarchische Verfassung zu geben. So hätte es ihm genügt einen einzigen Bischof, jenen von Rom, in Abhängigkeit zu halten, was sicher leichter gewesen wäre, als die Vorrangstellung im Konzil von Nicäa zu erlangen, in dem Bischöfe des Ostens und der Westkirche vertreten waren. Im Übrigen hat die Kirche des Ostens die Primatsidee nie akzeptiert, je stärker dieselbe betont wird, umso grösser wird die Distanz zwischen Ost- und Westkirche. So lässt sich sagen, dass die Trennung der Kirchen des Westens und des Ostens mit der Entstehung der Primatsidee um die Jahrhundertwende des 4. und 5. Jahrhunderts beginnt, obwohl sie erst 600 Jahre später offiziell wird. Es ist zu vermerken, dass die Päpste sich politisch vorwiegend mit dem Westen beschäftigen. (Brief 3.2. des eBuchs)

 

Den Titel „Papa“ (Papst) trägt im dritten Jahrhundert der Bischof von Karthago, der Bischof von Rom wird in jener Zeit „Episkopus“ genannt. Im Übrigen ist in der Zeit Cyprians Karthago als christliches Zentrum bedeutender als Rom. Karthago konnte in jener Zeit hundert Bischöfe zu Synoden versammeln, Rom bloss sechzig. So wenden sich spanische Bischöfe im dritten Jahrhundert an Karthago, um Auskunft in umstrittenen Fragen zu erlangen. Rom aber hat immer den Vorteil, ein Zentrum weltlicher Macht und damit der Kommunikation zu sein. Auf Rom schaut man als Zentrum von Sitten und Gebräuchen. Und Rom ist für die Kirche des Westens die einzige direkt von Aposteln beeinflusste Kirche.

 

Aber bis ins fünfte Jahrhundert hinein verteidigt die afrikanische Kirche ihre Autonomie, was die Jurisdiktion betrifft. Aber von Meinungen und Ratschlägen kommt es um 400 herum zu Befehlen durch den Bischof von Rom. Im Besonderen wird erstmals die Stelle Mt 16,18-19:

 

Ich aber sage dir, du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen ... Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein ...

 

als Machtanspruch des Bischofs von Rom interpretiert und das Christentum wird unter Kaiser Theodosius im Jahre 380 zur Staatsreligion.

 

Mit der fortschreitenden Entwicklung länger bestehender Gemeinden kam es immer mehr dazu, dass Intellektuelle – Leute einer Elite – als Priester und Bischöfe gewählt wurden. Es kam so zum Durchdenken der christlichen Botschaft mit allgemeinen philosophischen Methoden.

 

Hätte man einen Christen um 100, 200 oder sogar 300 gefragt, ob es einen obersten Bischof gibt, der über den andern Bischöfen steht und in Fragen, die die ganze Kirche berühren, das letzte Wort hat, dann hätte er sicher mit Nein geantwortet. (Schatz)

 

Aber mehr als Güter und Einkünfte sind es die öffentlichen Rechte und Aufgaben, die der Kirche ihren ursprünglichen Charakter rauben. Zu den Rechten gehören die Vorrangstellung der Rechtsprechung der Bischöfe und die Befreiung der Kleriker von Steuern. Zu den Aufgaben von Bischöfen und Priestern kann die Übernahme von karitativen Werken gezählt werden, die vorher dem Staat vorbehalten waren. Um 330 wird die Residenz des Kaisers nach Konstantinopel verlegt. Das bewirkt einen Prestigegewinn für den Bischof von Rom, der dadurch aber versucht ist, politische Aufgaben – in Nachahmung der monarchischen Regierungsweise des Kaisers – über die kollegialen und synodalen Verpflichtungen zu stellen. Daraus erwächst überdies eine neue Eigenständigkeit des Bischofs von Rom gegenüber weltlichen Machthabern, wie sie im Ostreich undenkbar ist.

 

Der römische Adel - der nun meistens den Bischofssitz von Rom besetzt - bringt auch seine Denkweise mit: vor allem sein Rechts- und Ordnungsdenken, sein Charisma der Leitung, der Ausgleichung der Gegensätze, sein nüchternes Gespür für die Praxis, auch seinen Sinn für Macht, kurz all das, was Rom zur Weltherrschaft befähigt hat. (Schatz)

 

Die Art und Weise, wie Konflikte über längere Zeit bis ins neunte Jahrhundert innerhalb der Reichskirche ‒ und damit der Weltkirche ‒ ausgetragen wurden, zeigte allerdings, dass eine Trennung von Rom für eine einzelne Kirche damals kein Drama war. Es konnten hüben und drüben Exkommunikationen ausgesprochen werden, das religiöse Leben in den betroffenen Kirchen ging ruhig seinen Gang. Das heisst, dass die Communio mit Rom (wie ausserdem mit den andern Kirchen) für den Glauben damals nicht zentral war. (Brief 3.3. des eBuchs)

 

In Liebe Dein L. Theodor
 

 

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