Ich hatte Glück ...?

...in einer Kultur zu leben, die als "egalitäre Konsenskultur" (Brief 2.1.) beschrieben werden könnte. Eine der Hauptinstitutionen meiner Gastkultur war das Palaver. Ist das wohlwollende Mitteilen nicht das Wichtigste von Beziehungen?

Konsenskultur

Eine weitere hauptsächliche Folgerung des Blicks der Tradition auf „Vater-Gott“ und auf die ganze unsichtbare Welt ist die Notwendigkeit der Harmonie. Sie bestimmt notwendigerweise, jeden Tag, die Beziehungen zwischen den Menschen, das Verhältnis zur Natur und vor allem den Kontakt zur unsichtbaren Welt. Die Harmonie unter den Menschen drückt sich u.a. in den Festen der Gemeinschaft und in den Zeremonien zum Gedenken an einen Toten aus.

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Harmonie ist lebensnotwendig. Disharmonie, ein Vergehen gegen die Werte der Tradition, kann die Existenz einer Familie, eines Quartiers oder einer grösseren Gemeinschaft bedrohen.

 

Ich machte einmal einen Spaziergang im Süden des Landes. Wir kamen in einer sonst unbewohnten Gegend an mehreren halb zerfallenen, komplett vom Buschgras überwucherten Häusern vorbei. Ich fragte meinen Begleiter, was da vorgefallen war. Er antwortete mir, dass in dem Quartier vor drei Jahren „Zizanie“ (Zwietracht) geherrscht hatte!

 

Disharmonie kann unsichtbare Gründe haben, sei es, dass etwas im Verborgenen geschehen ist, sei es, weil man die Rechte der Ahnen nicht wahrgenommen hat. Der herbeigerufene Seher wird den Grund der Disharmonie feststellen, die sich durch kleinere oder grössere Anomalien, eine Art Vorwarnungen, geäussert hatte. Er selbst wird nichts in der Sache unternehmen. Andere Personen werden die empfohlenen Massnahmen vollziehen. Jedes Rundhaus hat einen Hauspriester,  meistens der älteste Mann der Familie. Er wird nicht offiziell eingesetzt, er bringt Dank- und Sühneopfer für die Familie dar. In wichtigeren Belangen wird der Repräsentant des Gründungsahnen eines Dorfes intervenieren. Als gewaltloser Mensch hat er eine Fürbitte-Funktion. Er wird auch, einvernehmlich mit seinen Kollegen der betreffenden Dörfer, die Zeit der Initiationsriten festzusetzen, die wiederum von verschiedenen Personen vollzogen werden. (Brief 2.1. des eBuchs)

 

 

Somit müssen mehrere Akteure zusammenwirken, um Unglück oder Tod abzuwenden. Keiner der Handelnden – Seher, Hauspriester und Repräsentant des Gründungsahnen – kann ersetzt oder bezahlt werden, da eine Bedrohung des Einzelnen eine Bedrohung der Gemeinschaft ist und umgekehrt. So wird das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Bedingungen bewahrt. Nochmals, egalitär kann eine Kultur nur sein, wenn es in ihr wirksame Institutionen gibt, die verhindern, dass der Einzelne reich oder mächtig wird. Wir haben in meiner Gastkultur vielleicht eines der wenigen Beispiele einer Nicht-Konzentration geistlicher Macht und den Verzicht auf Bereicherung in Ausübung eines geistlichen Amtes.

 

Im Bereich der Gesundheit gibt es Männer oder Frauen, die heilende Kräfte für bestimmte Krankheiten haben. Dem Heiler sollen keine materiellen Vorteile erwachsen, er wird gegebenenfalls für den Ausfall der Arbeit auf seinen Feldern entschädigt. Wieder ist für die Nicht-Konzentration von medizinischer Macht gesorgt, man wird nicht zur gleichen Heilerin, zum gleichen Heiler gehen bei einem Schlangenbiss oder bei der Brustentzündung einer Frau. Der Heiler, der Schlangenbisse behandelt, ist bei einem andern Heiler ein gewöhnlicher Patient, es gibt somit keinen „Chefarzt“. Jede Krankheit, selbst die psychische, hat einen religiösen Aspekt.

 

In Liebe Dein L. Theodor

 

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