Moral der Freunde Jesu ...

... oder eine Moral für Knechte? Der Grundtenor der Moral der Rkk scheint zu sein: der Mensch ist eher schlecht, man muss ihm misstrauen. Freundschaft aber sagt, ich vertraue dir

Moral

 

Liebe Carole,

 

Was die Gewissenentscheidung betrifft, lehrt der Katechismus der (römisch-)katholischen Kirche (K3) die folgenden drei Regeln:

 

  • Es ist nie erlaubt, Böses zu tun, damit daraus etwas Gutes hervorgehe (Thomas von Aquin).
  • Die „Goldene Regel“: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen."
  • Die christliche Liebe achtet immer den Nächsten und sein Gewissen (K3,1789).

 

Ist es nicht interessant, dass eine Maxime oder eine Theorie von Thomas von Aquin vor der Goldenen Regel Jesu steht (daRev B 3.2.), obschon diese nach Jesus “das Gesetz und die Propheten“, also die gesamte Moral einschliesst? Es scheint mir beispielhaft, dass immer wieder der Wille aufscheint, Konstrukten der Rkk den Vorrang vor dem Evangelium zu geben. Und die dritte der erwähnten Regeln wäre natürlich in der Goldenen Regel enthalten.

 

Die Sünden sind nach ihrer Schwere zu beurteilen. Die schon in der Schrift erkennbare (Vgl. 1 Joh 5,16f) Unterscheidung zwischen Todsünde und lässlicher Sünde wurde von der Überlieferung der Kirche übernommen. Die Erfahrung der Menschen bestätigt sie. (K3 1854)

 

Die systematisierte Lehre von Todsünden und lässlichen Sünden wird nur durch die Überlieferung der Rkk garantiert. Dass sie in der Schrift „erkennbar“ ist, wird doch einfach angenommen. Die Evangelien machen auf jeden Fall nicht in Haarspaltereien. Und weshalb den 1 Joh zitieren, wenn man Texte aus den Evangelien hat?  Der Ausdruck „die Erfahrung der Menschen“ ist interessant. Zum einen ist das schlicht eine Behauptung, zum anderen ist sie meistens nicht erwünscht, wenn es z.B. um den Zölibat oder die Ehemoral geht. Was sagte doch Machiavelli über den Zweck, der die Mittel heiligt!?

 

die Rkk und Jesus scheinen zweierlei Ansicht von Sünde zu haben

 

Es gibt offensichtlich Vergehen, die Jesus als sehr schwerwiegend beurteilt (in meinem eBuch "der andere Revolutionär" [daRev] ist mehr darüber zu finden):

 

  • Im Gleichnis vom letzten Gericht (Mt 25,31-45) entscheidet über das Heil, ob hungrige, durstige, nackte, gefangene, fremde Menschen bemerkt werden. (daRev Brief 4.2.)
  • Im Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30) wird der Mann verurteilt, der sein Talent vergräbt und keine Initiative für das Gute entwickelt. (daRev Brief 4.2.)
  • Im Gleichnis von Lazarus (Lk 16,19-31) wird der reiche Mann gerichtet, der Lazarus vor dem Portal nicht sieht, weil er sich inmitten einer sich amüsierenden Gesellschaft befindet. (daRev Brief 4.4.)
  • Der unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,23-35) wird verdammt, weil er den Unterschied zwischen der Grösse von Gott und der dazu unbedeutenden Schuld seines Mitknechtes nicht realisiert. (daRev Brief 4.2.)
  • Im Gleichnis vom Pharisäer (Lk 18,10ff) brandmarkt Jesus, dessen selbstgerechte Haltung. (daRev Brief 4.2.)
  • Dem Priester und dem Leviten (Lk 10,25-37) - im Gleichnis vom barmherzigen Samariter - werden Unverständnis der Schrift vorgeworfen, weil sie um einen schwer verletzten Mann einen Bogen machen. (daRev Brief 4.3.)
  • Im einzigen expliziten Verbot der Bergpredigt sagt Jesus über das Richten:

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. (Mt 7,1f)

 

Werden die durch Jesus angeprangerten Verhalten von der Rkk überhaupt als schwere Sünde wahrgenommen? So wurde das Ungleichgewicht zwischen Reichen und Armen ‒ durch die ganze Geschichte des Christentums hindurch ‒ nie als besonders schwere Sünde erkannt. Schon nach dem vierten Jahrhundert kontrastierten die Prunkbauten der Hierarchen, inklusive des Petersdoms, die ganze Zeit mit den Hütten der Elendsquartiere. (Brief 4.3. des eBuchs)

 

Manchmal wird bemerkt, dass Arme gerne schöne, grosse Kirchen sehen, um die eigene Misere zu vergessen. Wäre es nicht richtiger zu sagen, dass sie mystifiziert werden, um nicht zu eigenem Denken zu kommen.