Papamobil

Befremdet hat mich zuerst die Tatsache, dass jedem vom Papst besuchten Staat empfohlen wird, ein zigtausend Euro teures, gepanzertes Mercedes-Gefährt zu kaufen. Ich hatte früher gedacht, dass das immer gleiche, weisse Papamobil mit dem Papst reist. Aber offenbar will die vatikanische Reiseagentur, dass der Papst nie in einem Gebrauchtwagen fährt.

der Papst besucht unsere Stadt

 

Liebe Carole,

 

Ein solch höchster Besuch will sorgfältig geplant sein. Als Vertreter unseres Kollegiums gehörte ich zur Vorbereitungskommission. In unserer Stadt legte der Papst mit dem ganz neuen Papamobil ungefähr 3 km zurück, dann musste es wieder in die Hauptstadt verlegt werden. Ich schätze, dass der Papst dort eine niedrige zweistellige Kilometerzahl gefahren ist, damit er durch kugelsichere Scheiben mit den Ärmsten in Verbindung treten konnte. Aber noch war ich von Ironie weit entfernt.

 

Vom Besuch beim Präsidenten kam der Papst kam mit einer Verspätung von einer Viertelstunde zu uns auf die grosse Treppe vor dem grossen Platz. Zuerst lief alles wie vorgesehen ab. Die Bodyguards, bewaffnet mit kleinen Maschinenpistolen und natürlich mit Knöpfen im Ohr, hielten sich nahe am Altar auf, was mich befremdete. ... An sich war die Verspätung kein Drama, hatten doch alle auf dem Platz Anwesenden mindestens drei Stunden vor der Feier stehend ausgeharrt.

 

die freizügige Dama hält Papst und Kaiser in der Hand

Erinnerung an das Konzil von Konstanz im dortigen Hafen

 

Der eingeflogene erste Zeremonienmeister, ein irischer Bischof, der offensichtlich gar nichts von der Kultur wusste, die er besuchte, wollte jedoch wieder zur genauen Marschtabelle zurückkehren. Die Möglichkeit dazu sah er bei der Darbringung der Opfergaben. Junge und schöne Mädchen und Knaben sollten mit den verschiedenen Gaben ‒ Brot und Wein für die Eucharistie ‒ sowie mit Grundnahrungsmitteln der Bevölkerung aus der Menge heraus zum Altar tanzen, begleitet von Gesang und Trommeln. Es war sicher das am meisten inkulturierte Element der ganzen Feier und hätte vielleicht 15 bis 20 Minuten gedauert. Mit einer herrischen Geste und mit dem Kommentar: „Bringen Sie das Zeug“ („Amenez ça“), gebot mir der erste Zeremonienmeister, den Opfertanz zu überspringen und gleich Kelche, Wein und Hostien auf den Altar des Papstes zu bringen. (Brief 2.8. des eBuchs)

 

Ich gehörte zu den auserwählten Personen, die nach der Feier, während eines Intervalls von 10 Minuten, dem Papst vorgestellt werden sollten. Dabei würde ich sogar seine Hand drücken oder küssen dürfen. Doch das Papamobil, die Bodyguards, die Symbiose mit der staatlichen Macht und der gestrichene Opfergang, all das war plötzlich zu viel für mich. Ich konnte dem „Überaus Heiligen Vater“ die Hand nicht mehr reichen. Natürlich gab er sich keine Rechenschaft, dass er gerade einen linientreuen Bewunderer verloren hatte!

 

20 Minuten standen für das knappe Dutzend polnischer Missionare unserer Diözese zur Verfügung, offenbar damit JP2 und seine Landsleute ihr Polnisch nicht verlernten.

 

Praktisch an einem Tag, ja in ein paar Stunden, wurde ich so von der „Papolatrie“ geheilt, d.h. von der Überzeugung, dass der Papst zwar etwas unter Gott, aber als „Stellvertreter Christi“ doch deutlich über allen anderen Menschen steht. So war der Besuch vielleicht das wichtigste Ereignis in meinem Leben, der Beginn der Befreiung vom Zwang römischer Dokumente und römischer Moral, der Weg zur Freiheit der Evangelien war schon ein Spalt weit offen.

 

In Liebe Dein L. Theodor

 

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