was ist unkeusch?

 

Die RkK hat das Gebot "Du sollst nicht die Ehe brechen" zu "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben" umfunktioniert. Jesus hat von unkeusch zwar nie gesprochen, aber die Rkk machte daraus ihr Lieblingsthema und de facto zu einem Eckstein ihrer traditionellen Moral. Sie hat mir nicht nur mein Leben vermiest, sondern über Jahrhunderte die Menschen gelähmt.

 

 

meine Sexualität

Liebe Carole,

 
Bis zu meinem Noviziat gab es keine Probleme. Danach befand ich mich in einer abgeschotteten maskulinen Umgebung. Nach den ewigen Gelübden zeigten sich die ersten homoerotischen Tendenzen. Es ging nicht direkt um sexuelle Akte, sondern um Berühren (nicht der Intimsphäre), freundschaftliche Klapse oder Scheinkämpfe beim Sport. Diese Tendenzen führten unnötigerweise  zu Schuldkomplexen und Depressionen. Mein geistlicher Berater vermittelte mir einen Termin bei einem Psychiater. Das Gespräch mit ihm war nutzlos, denn sexuelle Fragen waren für mich damals unaussprechbar. Ich musste eine oder zwei Auszeiten in meinem Heimatdorf nehmen; besonders durch Wandern konnte ich die Depressionen überwinden. Viel später habe ich dann erfahren, dass Tiere, die man nach Geschlechtern trennt, ein homosexuelles Verhalten annehmen.

 

In einem britischen Vogelpark haben zwei schwule Flamingos Eier ihrer heterosexuellen Artgenossen gestohlen und die Küken als ihre eigenen aufgezogen.  Keiner der anderen Flamingos wolle sich mit den zwei recht grossen Männchen gleichzeitig anlegen. Homosexualität unter Tieren ist zwar nicht ungewöhnlich, aber es sei der erste bekannte Fall unter Flamingos. (#Carlos und Fernando)

 

Auch in den ersten Jahren an unserem Kollegium (in einem Land Westafrikas) war ich in einer rein maskulinen Umgebung, da es eine Mittelschule für Knaben und junge Männer war. Das sollte sich erst nach ein paar Jahren ändern. Unter den Mitbrüdern fand ich keinen Freund, die Altersunterschiede waren zu gross. So freute ich mich über die Kontakte mit den Schülern, deren Alter sich nicht so sehr von meinem unterschied, da sich der Eintritt der Schüler oft verzögerte, besonders wenn sie aus Dörfern kamen. Deshalb zog ich damals bei weitem die Wochentage dem Wochenende vor.

 

Es kam in etwa zu ähnlichem Vorkommnissen wie früher: nahe beieinander sitzen, sich die Hände halten, ein freundschaftlicher Klaps. Mein Verlangen, eine Beziehung körperlich zum Ausdruck zu bringen, konnte ich über Monate unterdrücken, und es staute sich in mir wahrscheinlich unbewusst an. An solchen Tagen verlor ich unnötigerweise meinen Enthusiasmus. Diese Perioden der „Sünde“ dauerten nicht lange, weil ich doch wieder mit einem guten Gewissen leben wollte. Aber die Frage der Sexualität war der Grund verschiedener depressiver Zeiten und hinderte mich an einem Leben in Freiheit und Freude. Im Heimaturlaub war ich zweifelsohne ein bisschen stolz auf die geleistete Arbeit. Die Erinnerung jedoch an meine „sexuellen Abstürze“ vergällte mir auf nicht unbeträchtliche Weise die Erholung. Dabei erlebte ich die erste Masturbation mit 34 Jahren.

 

Nach sieben Jahren in der Mission kam es dann zu einer homosexuellen Beziehung mit einem jungen Mann, die ich aber bald - einer neuen Arbeit wegen - opferte. Das war ihm gegenüber nicht fair, aber der Moral der Römischen Kirche gemäss.

 

Dann lernte ich Dich kennen. Zu Beginn unserer Beziehung war mein Gewissen noch belastet. Allerdings stellte ich die traditionelle kirchliche Moral immer mehr in Frage, der Besuch des Papstes und ein neuer Blick auf die Evangelien hatten dazu beigetragen (Brief 2.8. des Buchs). Das Bewusstsein von Schuld machte immer mehr der Freude am Leben Platz. Ich blieb der Beichte fern, weil ich meine Situation nicht mehr adäquat beschreiben konnte, was mich aber nicht mehr bedrückte. Du und ich, wir kamen überein, dass eine Heirat nicht in Frage käme. Du träumtest davon, später ein Haus für Waisenkinder zu bauen, in dem es auch für mich ein Zimmer gäbe. Ich wollte weiterhin am Kollegium, im Vornoviziat und in unseren Dörfern als Ordensmann und Priester tätig sein. (Brief 2.10. des eBuchs)

 

Intuitiv spürte ich, dass unser Weg richtig war. ... Wir waren uns unserer Liebe sicher, der Blick auf die Qualitäten eines jeden machte uns selbstbewusster, der Blick auf unsere Fehler brachte uns zum Lachen. Ich glaube, dass unsere Liebe auf die Beziehung zu Jesus zurückstrahlte, das Gefühl der Freiheit und des Friedens umfasste immer mehr mein ganzes Leben. Die neun Jahre mit Dir waren übrigens die einzigen im tropischen Klima, in denen ich praktisch keine Medikamente benötigte. Vorher war ich immer wieder auf Schlaftabletten u.Ä. angewiesen, ich hatte fast jeden Tag, durch meine Nervosität verursachten Durchfall. Und ich musste Auszeiten während des Schuljahrs nehmen.

 

Vielleicht werden sich einige Deiner Freunde fragen, weshalb wir uns nicht geoutet haben. Ich  meine, dass es nicht aus Feigheit geschah. Wir schätzten den Nutzen unserer Arbeit ab. Und dieser Nutzen konnte nur innerhalb der kirchlichen Strukturen realisiert werden, in die wir beide eingebunden waren. Die Exponenten der Rkk konnten eine solche Freundschaft unmöglich verstehen und noch weniger erlauben. Es wurde mir klar, dass ich mich zur Nachfolge Jesu entschlossen hatte, dass diese Nachfolge aber unsere Freundschaft und Liebe nicht ausschloss, sondern sie fruchtbar machte.

 

Leider zerbrach unsere Beziehung in einer manischen Phase (s. folgende Seite"Zusammenbruch" oder Brief 2.12. des Buchs), d.h. wir waren nachher einfach Freunde. Dass ich einfach krank war wurde mir erst einige Jahre später bewusst, als ich während eines Sabbatsjahrs Zeit für eine Behandlung hatte.

 

Wie es mit dem Zölibat überhaupt bestellt ist? War ich ein Einzelfall mit meinen Schwierigkeiten? Von den sechs weissen Priestern, denen ich in den 27 Jahren besonders nahe war, hatten sicher drei Probleme mit dem Zölibat. Von sechs weissen Ordensleuten (Nicht-Priestern) hatten wahrscheinlich zwei Probleme und beide waren zudem aggressiv. Ein anderer Ordensmann war fast krankhaft eifersüchtig. Natürlich lässt sich von dieser sehr beschränkten Stichprobe nicht auf die Rkk extrapolieren, aber wenn JP2 (Johannes-Paul II) andeutete, dass nur einige schwarze Schafe Probleme haben, glaube ich das einfach nicht. (Brief 2.10. des eBuchs)

 
In Liebe Dein L. Theodor

 
PS
Allerdings müssen sich Deine Freunde nicht vorstellen, dass ich von der Frage meiner Sexualität voll in Anspruch genommen wurde! Glücklicherweise beschäftigten mich der Unterricht, die anderen Arbeiten im Kollegium und in den Dörfern rund um die Uhr.
 

 

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