Depressionen

Der Moral der Rkk "verdanke" ich wahrscheinlich viele Dutzende gelähmter Tage.

Zusammenbruch

 

Liebe Carole,

 

Du hast miterlebt, wie ich oft einen übertriebenen Arbeitsrhythmus hatte. Zusätzlich zu meiner Arbeit als Lehrer und Spiritual am Kollegium, hatte ich die Verantwortung im Vornoviziat. Am Wochenende betreute ich als Priester zwei Dörfer auf dem Berg im Namen der Pfarrei.

 

Manchmal beschäftigten mich die Probleme der Menschen in den Dörfern selbst unter der Woche. Nach dem Weggang von Direktor C. übernahm ich überdies die Verantwortung für das Schülerheim der Pfarrei. Zwischendurch gab es psychotherapeutische Betreuungen. Dazu das Unvorhergesehene.

 

Eine Wasserleitung, die am Samstagabend platzt, und die ich nach der Eucharistie im Licht von Taschenlampen provisorisch abdichten muss, mit Streifen aus alten Autoschläuchen und das Ganze in einem schlammigen Graben. Unerwarteten Strom- und Wasserausfälle seitens der Stadt musste mit der Aktivierung unserer alten Systeme begegnet werden. Gut, ich arbeitete zeitweise mit einem Elektriker und einem Installateur zusammen, beide mit einer landesüblichen Berufsausbildung. Aber sie waren nicht 24 h verfügbar, ich hingegen schon.

 

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Wenn man lange in einer Gemeinschaft lebt, kennt man sich in vielen Dingen aus. Der Nachteil ist, dass man bei einem Problem eher beigezogen wird. Das alles führte nicht selten zu 16 Stunden Arbeit pro Tag. Und das in einem tropischen Klima. Gut, in den letzten neun Jahren waren wenigstens mein Schlafzimmer und der Informatik-Raum klimatisiert, was mir erlaubte, mich besser auszuruhen. Während der ersten Jahre als Priester hatte ich jedoch keinen freien halben Tag, in den letzten neun Jahren konnte ich immerhin über den Donnerstagnachmittag verfügen.

 

Die Ferien in Europa waren zum Teil sehr kurz. Nach drei bis fünf Wochen trat ich oft die Ferienvertretung des Direktors an. Die Aufenthalte in Europa waren nicht unbedingt erholsam, da ich Wohltäter besuchen, Ersatzteile beschaffen und andere Besorgungen erledigen musste. 1991 integrierte sich der erste, 1993 dann noch zwei weitere einheimische Mitbrüder in die Kommunität. In der Folge konnte ich einige Aufgaben abgeben.

 

1998 kam es zu einer euphorischen oder manischen Phase. Vorher hatte ich ein sehr schönes Jahr erlebt. Direktor E., ein Mitbruder aus unserem Gastland, wurde 1997 Chef des Kollegiums und der Kommunität. Nach fast zwanzig Jahren Schwierigkeiten mit europäischen Direktoren wurde das Ambiente in der Gemeinschaft plötzlich harmonisch. Und ich war der einzige „Weisse“ in der Gemeinschaft. Andere Ereignisse trugen zu meiner Euphorie bei: Gegen Ende des Schuljahres 1997/98 unternahm ich eine Verlängerung der Strasse in den „Bergen“, drei weitere, kleine Dörfer sollten erschlossen werden. Der Bau des Studentenheims war in jener Zeit recht gut fortgeschritten. Mit den Trägern und der Decke des Grossen Saals (Brief 7 in meinem eBuch "gibt es Rassen!?) war die vielleicht schwierigste Phase überwunden

 

Und Du? Wie erlebtest Du meine manische Phase? In der Woche des Strassenbaus warst Du krank. Über meine Ungeduld warst Du bestürzt, sie tat Dir weh. Die Gegenwart zweier junger Frauen und mein Umgang mit Ihnen irritierten Dich. Du sahst einen ganz anderen Menschen als bisher und konntest das Geschehen nicht einordnen. Du hattest vielleicht den Eindruck, dass sich endlich mein wahres Wesen, ein herrisches Wesen, offenbarte. Dass ich einfach krank war, wusstest Du nicht, das wusste ich damals auch nicht.

 

In den Ferien in der Heimat verfiel ich bald einmal in eine schwere Depression. Die Rückreise in unser Gastland trat ich zusammen mit dem Provinzial an, der selbst sehen wollte, wie mich die Gemeinschaft des Kollegiums nach der euphorischen Phase aufnehmen würde.

 

Den ersten überwältigenden Schock erlebte ich, als Du mich nicht wie gewohnt empfangen hast, und mir auf meine Frage zur Antwort gabst, dass wir in Zukunft nicht mehr als Freunde wären und es keine Zärtlichkeiten mehr gäbe. Der nächste Schock: Am zweiten oder dritten Tag rief mich der Provinzial zu sich, um mir mitzuteilen, dass ich wieder mit ihm nach Europa zurückkehren werde. Meine Mitbrüder vor Ort fänden, es sei noch zu früh, meine Arbeit wieder aufzunehmen. Das konnte ich mir aber überhaupt nicht vorstellen. Schliesslich willigte die Gemeinschaft ein, dass ich am Kollegium blieb, aber – nächster Tiefschlag – ein Mitbruder sagte, dass ich, 55-jährig, mich nun wie ein Kind zu verhalten habe, das alle seine Schritte im Voraus der Gemeinschaft unterbreitet. ... Einen Selbstmordversuch, den ich ungefähr eine Woche später unternahm, beschreibe ich in Brief 2.12. des eBuchs.

 

2001 trat ich ein vermeintliches Sabbatjahr an, konnte aber gesundheitshalber nicht mehr in mein Gastland zurückkehren. Nach einem Einsatz als Pfarrer-Stellvertreter kam es zu einer erneuten manischen Phase. Am 25. Juli 2003 wurde ich vor den Augen der Nachbarn von der Polizei festgenommen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

 

Es wurde zur allerschlimmsten Erfahrung meines Lebens, die Situation war manchmal fast unwirklich. Ich fühlte mich gefangen und meine Person, mit einem gewissen Leistungsausweis, unter Generalverdacht. Alle Türen nach draussen waren immer abgeschlossen. Hingegen lernte ich Menschen kennen, die mir sympathisch waren, darunter eine schwarze Brasilianerin, ebenfalls zwangsweise eingeliefert und die völlig normal wirkte. Sie war eher der Fremdenfeindlichkeit zum Opfer gefallen. Nach drei Wochen wurde ich entlassen. (Weitere Details in Brief 2.12.)

 

Anfangs Februar 2004 kam es nochmals zu einer euphorischen Phase, wieder wurde ich zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Von dort appellierte ich telefonisch an einflussreiche ehemalige Schüler, damit sie mir helfen, wieder entlassen zu werden! Die Ehemaligen informierten sich natürlich bei den Mitbrüdern in unserem Gastland, jene wiederum bei meinen Obern in Europa. Mit dem Resultat, dass ich nicht nur in meinem Heimatdorf, sondern in unserem Gastland ebenfalls mein Gesicht verloren hatte.

 

Bei meiner zweiten Internierung klangen die Symptome wieder relativ rasch ab und nach drei Wochen wurde ich aufs Neue entlassen. Seit meinem 2. Klinikaufenthalt und dank für mich besserer Medikamenten kam es zu keiner manischen Phase mehr. Allerdings hatte ich immer noch depressive Phasen und seit der Rückkehr aus unserem Gastland ziemlich an Gewicht zugenommen. Ob das anzeigt, dass ich auch das Gesicht vor mir selbst verloren hatte!? Der Vorteil der Internierungen war, dass ich in normalen Zeiten diese Briefen schreiben konnte, weil es niemandem in den Sinn kam, mir eine regelmässige Beschäftigung zuzuweisen. Aber nicht ernst genommen zu werden, ist nicht unbedingt lustig. Der Generalobere fragte mich einmal bei einem Besuch unserer Region, welchen Beschäftigungen ich nachgehe. Unter anderem antwortete ich, dass ich an einem Manuskript arbeite. Ich glaubte ein leises Lächeln zu sehen, jedenfalls hakte er nicht nach. Aber meine Obern loben mich sehr für meine frühere Arbeit im Vornoviziat (Brief 2.7.)

 

In Liebe Dein L. Theodor
 

 

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